Von Gesichtslosen: Puppen ohne Gesicht

Montag, der 19. Oktober 2015
gesichtslose Puppen

Während der Recherche zu meinem Blogpost „Dollmaking Tips # – Puppengesicht“ bin ich über ein interessantes Phänomen gestolpert…:

Puppen ohne Gesicht

Aber warum gibt es Puppen ohne Gesicht?
Warum besitzen sie keine Augen, Nase und Mund?

Wir Menschen schauen gerne in Gesichter. Man kann aus ihnen so viel ablesen.
Die Mimik verrät uns die Stimmung unseres Gegenübers. Die Fältchen, sein Alter und Kummer- oder Lachfältchen erzählen von einem fröhlichen oder bewegten Leben. Vor allem Augen werden als „Fenster zur Seele“ verstanden. Wir meinen auch in ihnen lesen zu können. Der erste Blick, gilt dem Gesicht. Wir suchen Augenkontakt. Gesichter halten den Blick fest. Wir verschaffen uns in Sekunden einen ersten Eindruck, indem wir das Gesicht anschauen und seinen Mimik interpretieren, noch bevor wir Körpersprache oder Stimme werten können. Hat das gegenüber dann aber z.B. eine Sonnenbrille auf, verbirgt es etwas und verweigert uns vermeintlich das „Lesen“ darin – schafft damit Distanz…

Für mich sind Puppengesichter essentiell. Sie können so vieles ausdrücken oder in ihrer Zurückgenommenheit auch zur Interpretation und Spiegelung der eigenen Emotionen einladen.
Jedoch ich verstehe auch den Reiz des völlig „leeren“ Gesichts sehr gut.
Dieses Stadium erlebe ich ja mit meinen Puppen selbst immer wieder. Es ist ein Moment der Entscheidung. Noch kann dieses Gesicht alles beinhalten…und dann bekommt die Puppe ihr Gesicht …und damit „Leben“- es wird für mich auch ihr „Wesen“ sichtbar.

Puppenmitmacherei

Es gibt jedoch auch Menschen, die Puppen völlig ohne Gesichtsmerkmale bevorzugen.
Das kann viele unterschiedliche Gründe haben. Einige davon möchte ich hier nun einmal kurz aufführen…:


 

Waldorf

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In kindergarten classes at John Moore Elementary, dolls have no faces, so that pupils can use their imaginations to assign emotions. Chronicle photo by Jerry Telfer

Die Waldorfpuppe ist, verglichen mit herkömmlichen Puppen, ursprünglich in ihrer Gesamtheit wenig stark ausgebildet. Hände und Füße sind nur Knubbel und einzelne Finger und Zehen nicht erkennbar (später jedoch mit Ausnahme der Daumen). Nur die runden Wangen und die Augenlinie definieren die Kopfform. Nase oder gar Ohren besitzt die traditionelle Waldorfpuppe nicht.

Die Waldorfpuppe war ganz ursprünglich gesichtslos.
Später bekam sie einen nur sehr zurückgenommenen Gesichtsausdruck: meist nur drei Striche, jeweils für Augen und Mund.
Klassischerweise wurde auch die Nase ganz weggelassen. Das Gesicht wurde dann mit Buntstift aufgemalt, der bald wieder verblassen konnte. Später wurde das Gesicht gestickt oder permanente Farbe verwandt. Zumindest Augen besaßen diese Puppen dann immer. Der Mund, wenn vorhanden, wurde nach wie vor nur mit einem schmalen Strich angedeutet. So soll vermieden werden, durch die dargestellte Mimik einen bestimmten Gemütsausdruck zum Ausdruck zu bringen. Der Waldorfpädagogik zufolge ist dies nämlich dem spielenden Kind vorbehalten.

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„Verbindet sich das Kind in zärtlicher Liebe und Hingabe mit seinem Puppenkind, so regt sich in ihm ein Bild des Menschen, das wie ein Keim in seiner Seele ruht, um dessentwillen es den Weg zur Erde genommen hat. Da aber sein ganzes Wesen noch so keimhaft in ihm schlummert, sollte auch die Puppe in ihrer äußeren Ausgestaltung so ‚keimhaft‘ wie möglich sein. Um so mehr aber sollte das Kind eine ‚Seele‘ in ihr entdecken, die es lieben kann, und mit der es in seiner Phantasie geheime Zwiesprache halten kann.“¹
Ist eine Puppe hingegen in ihrer Mimik bereits festgelegt, wie die immer lächelnden Plastikpuppen der Moderne, wird der Waldorfpädagogik zufolge dem Kind die Möglichkeit genommen ihr im Spiel andere Rollen und Gefühle zuzuweisen. Es fällt Kindern schwer, beispielsweise in das lachende Puppengesicht ein trauriges (eigenes) Gefühl zu interpretieren.
Die Waldorfpuppe soll also durch das Weglassen von Mimik, so der kindlichen Fantasie viel Raum lassen. Die Puppe wird damit Projektionsfläche für die eigenen Gefühle und Wünsche des Kindes: So kann sie in einem Moment traurig oder wütend sein, eine weinende Babypuppe und im nächsten Moment selbst das Kind trösten und aufmuntern oder Lachen und sich mit ihm freuen. Das Kind sieht so in der Puppe immer das, was es gerade möchte und in seinem Spiel braucht.

 

¹ aus: „Wir arbeiten Puppen für unsere Kinder“, Gertraud Sternke


 

Puppen des Dominikanischen Kunsthandwerks

Eines der bekanntesten Symbole der Karibikinseln der Dominikanischen Republik ist das, was im Volksmund als „gesichtslose“ Puppe, auch Limespuppe* genannt, bekannt ist.

Es handelt sich dabei um eine Puppe, die verschiedenen Arten von Kleidung tragen kann und aus einer großen Auswahl an verschiedenen Materialien gefertigt wird, angefangen von feinem Porzellan über Kokos und Ton, in verschiedenen Farben.
Die Karibik-Puppe aber hat ein Gesicht welches keine Gesichtsmerkmale aufweist.

Puppe ohne Gesicht Dom Rep Limespuppe

In der Dominikanischen Republik leben Menschen aus den verschiedenen Teilen der Welt. Einige sind spanischer Abstammung, einige sind französischer Herkunft und andere haben afrikanischen Vorfahren, neben vielen anderen aus verschiedenen Kulturen und Religionen.
„Da es Dominikaner in allen Facetten, Hautfarben und Gesichtsformen gibt, die das Jahrhundertelange Zusammenleben von Europäern, Indios und Afrikanern hervorgebracht hat, lässt man das Gesicht unmodelliert, als stolzes Bekenntnis zum Multikulturalismus.“
Die gesichtslose Puppe steht vor diesem Hintergrund als Symbol der allumfassenden Kultur. Sie steht für Akzeptanz gegenüber allen Menschen und deren ethnischen Hintergründen und soll eine integrative Gesellschaft symbolisieren.
Diese Puppe zeigt auf, dass das Land so viele verschiedene Menschen zusammengebracht hat, welche nun eine große Familie sind.

Eine andere mögliche Erklärung für die Gesichtslosigkeit der Puppe ist jene, dass es sich bei den Puppen um „Machantas“ handeln soll. Machantas kommt wohl vom englischen Wort merchant, also Händler. So wurden nämlich damals die Frauen in der Dominikanischen Republik gennant, die ihre Waren in den Städten und Dörfern von Tür zu Tür trugen und alle feil boten was die Einwohner für ihr tägliches Leben brauchten.
Bis heute bleiben diese wandernden Frauen für immer namenlos und gesichtslos für alle Menschen, die ihre Produkte seit Jahren gekauft haben. Um diese „Machantas“ zu ehren, gibt es seitdem diese Puppen.

*(made in Santiago by the Lime (le-mea‘) factory)


 

Amish-Puppen

faceless doll

LARGE Original oil painting of a faceless doll by Meredith O’Neal, 2012 – meredithoneal.com

Die Puppen der Amish Leute sind weithin bekannt. Eines der markantesten Merkmale der Amish-Puppen ist, dass sie keine Gesichtszüge haben.
Die Quellen sind nicht eindeutig in den Aussagen zu dem Ursprung dieser Tradition. Nicht jede Amish Puppe ist gesichtslos, aber die traditionellen sind die bekanntesten.
Wahrscheinlich ist die Gesichtslosigkeit mit verschiedenen Faktoren zu begründen, welche aber zumeist auf die strenge Religiosität zurückzuführen sind.

In den meisten Amish Häusern gab es immer nur wenig Spielzeug für Kinder. Einige Spielzeuge, wie Puppen, entstanden durch Umwickeln von Holzstücke mit Stoffen. Es gab also nur wenig Spielzeuge daher spielten sowohl Jungen als auch Mädchen mit ihnen.
Es ist davon auszugehen, dass sich aus diesen ersten improvisierten Holzbabypuppen die gesichtslosen Amish-Puppen entwickelt haben.

Einer der wichtigsten Grundsätze der Amish besagt zudem, dass alle Menschen gleich sind in den Augen Gottes und somit auch als Gleiche behandelt werden sollten. Wenn eine Puppe also kein Gesicht besitzt, ist sie frei von Identität und stärkt damit das Verständnis von Gleichheit sowohl innerhalb der Amish-Gemeinde und, in einem größeren Zusammenhang, auch den der menschlichen Rasse.

Einer der Gründe dafür ist, dass das biblischen Buch Deuteronomium die Schaffung von Götzen verbietet. Die Puppen der Amish sind also immer generell ohne Gesicht gearbeitet, da in der Amish Kultur das Abbilden vom Mensch in jeglicher Form untersagt ist. Nur Gott ist es gestattet, die Menschen abzubilden. Auch Kleidung und Farben der Puppen sind einfach und zurückhaltend gestaltet. Eine Puppe ohne Gesicht ist kein Abbild des Menschen. Diese zu besitzen ist somit also keine Sünde.

Eitelkeit und Stolz hingegen sind Sünden. Viele Amish glauben, dass Abbilder, wie auch Fotos es sind, nur die Eitelkeit schüren und diese sind daher verboten. Ähnlich zu betrachten ist die Schaffung einer Puppe, die dem Menschenbild ähnelt. Sie zeigt ein ideales Bild der menschlichen Form und könnte Kinder verleiten sich nach einem solchen Ideal zu richten.
Puppen ohne Gesicht sind also die Bekräftigung der Bescheidenheit der Amish.

Sehr interessant in diesem Zusammenhang auch die Information aus erster Hand,
in diesem Interview mit einer Amish-Puppenmacherin:

faceless amish doll

„Interview with an amish doll maker“- amish365.com

„[…] Faceless dolls, however, have become popular in pop culture regarding the Amish and that bumped up their popularity among some Amish. It is interesting in the interview that the Amish woman stresses that the collectors are really the ones that don’t want the faces on the dolls. […]“

 

& ein Video: „Amish dolls without faces“:


 

Deenie Puppen

Seit 2014 gibt es die so genannte „Deenie Doll“ auf dem Markt.
Zielgruppe sollen strikt gläubige muslimische Familien sein. Die Puppe steht mit ihrer gesichtslosigkeit im Einklang mit der religiösen Lehre, die ein Abbild des Menschen verbietet.
Die Puppe entstand nach einer Idee von Ridhwana B., einer ehemaligen Lehrerin an einer muslimischen Schule. Die Puppe entstand zudem ganz in Einklang mit der Scharia Lehre.
Benannt ist die Puppe „Romeisa“, nach einem Begleiter des Propheten Mohammed und kostet im Einzelhandel £ 25.
Im Gespräch mit ihrer Lokalzeitung äußerte sich Ridhwana B:
„There is an Islamic ruling which forbids the depiction of facial features of any kind and that includes pictures, sculptures and, in this case, dolls[…] Some parents won’t leave a doll with their children at night because you are not allowed to have any eyes in the room. The Islamic range in kids‘ toys is quite limited at the moment, with few choices.“

Der Sinn einer solchen Puppe wurde jedoch seitdem weitum kritisch diskutiert.

faceless dolls


 

Maisstroh-Puppe

Maisstrohpüppchen bekamen traditionell zwar Arme und Beine, aber kein Gesicht. Sie werden deshalb auch „Puppen ohne Gesicht“ genannt.

corn husk doll facelessMan glaubte, dass alle Gegenstände, die ein Gesicht hatten, auch eine Seele besaßen  und durch das Gesicht sehen konnten. So wäre es möglich  gewesen, dass sich eine  beim Spielen beschädigte Puppe mit Gesicht an den unachtsamen Kindern rächen oder ihnen hätte schaden können. Deshalb versuchte man  die Kinder zu schützen, indem  man ihnen bevorzugt Puppen ohne Gesicht schenkte.
Maisblattpuppen mit aufgemaltem Gesicht  mussten von den Kindern beim Spiel mit  großem Respekt behandelt und vor  jeder Verletzung bewahrt  werden, damit „die Seele  der Puppe unversehrt blieb“.*

 

Eine Legende der Ureinwohner Amerikas besagt zudem, dass es einmal drei Geister zum Erhalt des Lebens gab. Diese drei Schwestern waren Mais, Bohnen und Kürbis.
Der Mais Geist wollte noch mehr für die Menschen tun und fragte den großen Geist, was er tun könnte. Dieser sagte ihm aus seiner Schale könne eine Puppe gefertigt werden. So machte also der Maisgeist eine Puppe und gab ihr das schönste Gesicht.
Dann wanderte die Puppe von einem Dorf zum anderen und spielte dort mit den Kindern. Und überall, wo die Puppe hin kam, wurde ihr gesagt wie schön sie doch sei. So dauerte es nicht lange und die Puppe wurde immer eingebildeter.
Eines Tages rief der große Geist sie zu sich, doch auf dem Weg zu ihm, erblickte die Puppe ihre Reflektion in einem See, blieb stehen und bewunderte ihre eigene Schönheit ausgiebig.
Ihre Eitelkeit gefiel dem großen Geist nicht und obwohl er sie zur Demut ermahnte wurde die Puppe immer eitler. Schließlich traf sie seine Strafe und als sie abermals zum großen Geist gerufen wurde und sich an dem See selbst bewundern wollte, erschrak sie – denn der Geist hatte ihr das Gesicht genommen. Seit dem war sie nur die Maisschalenpuppe ohne Gesicht.
Diese Legende erinnert die Menschen zudem daran sich nicht selbst für etwas besseres zu halten und nicht der Eitelkeit und Selbstverliebtheit zu verfallen, da auch sie sonst eine große Strafe ereilen sollen.
Der Stamm der Irokesen glaubte somit Puppen mit Gesichtern würden ihre Mädchen nur zur Eitelkeit erziehen.


Doll without face

Auch Barbiepuppen ohne Gesicht gibt es.

Es gibt auch Eltern die denken, Kinder brauchen überhaupt keine Puppen. Es gibt meist auch hier religiöse Gründe dafür. Einige möchten keine Puppen aus kulturellen Gründen, sie finden es zum Beispiel aus schamgründen nicht gut, wenn Kinder diese entkleiden.
Manch einer meint sicher, diese Eltern machen sich vielleicht zu viele Gedanken. Auf der anderen Seite gibt es aber sicherlich auch Eltern, die sich überhaupt keine Gedanken über die Art des Spielzeugs ihrer Kinder machen und diese mit Barbies und Pistolen spielen lassen.

In diesem Zusammenhang übrigens auch interessant dieser Artikel hier.
Bei meiner Recherche bin ich zudem auch über diese Aussage gestolpert:
Angeblich ist/war es in Frankreich gesetzlich verboten Puppen ohne Gesicht zu verkaufen?!
(Mich würde interessieren ob das stimmt- Wenn jemand weiss, ob das so ist/war schreibt es doch bitte in die Kommentare.)

 

 

Ich hoffe dieser Blogpost konnte ein wenig Einblick vermitteln, in die vielen Arten von gesichtslosen Puppen sowie den möglichen Beweggründen hinter solch einer Art Puppen.
Falls ihr übrigens dazu noch Ergänzungen, Anmerkungen oder Fragen habt, schreibt dies wie immer bitte auch in die Kommentare…

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2 Antworten auf Von Gesichtslosen: Puppen ohne Gesicht

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